Klarheit wollen wir alle, ist doch klar, oder?

Seitdem ich blogge, also genau seit 9 Wochen, merke ich, dass meine Gedanken durch das Schreiben sehr viel klarer werden. Ich stelle mir vorher Fragen wie: Was will ich mit diesem Artikel erreichen. Was will ich sagen? Was ist genau meine Meinung, zu diesem Thema? Und dann schreibe ich los, veröffentliche, lese nach einigen Tagen den Artikel und…. nicht klar. Okay, ich ändere und versuche es klarer auszudrücken. Manchmal gelingt es mir sogar. 🙂
Dass es mein großer Wunsch ist, verstanden zu werden, wurde mir vor 10 Jahren bewusst. Damals habe ich Dinge, nach der Aussage meiner Familienmitglieder, vielfach wiederholt. Ohne Erfolg, denn anhand der Reaktion war klar: Was ich sagen wollte, wurde eben nicht verstanden oder auf andere Art interpretiert. Der Erfolg einer Kommunikation liegt aber nun mal darin, dass die Aussage vom Empfänger verstanden wird, ansonsten macht sie nicht viel Sinn. Hier begann also meine Suche nach Klarheit.

Die Kunst zu verstehen schafft Klarheit

Vielfach verläuft ein Gespräch so, dass der Gesprächspartner nur darauf wartet, etwas sagen zu dürfen. Wir hören zu, um zu antworten, nicht um zu verstehen (René Borbonus). Es ist wie ein Schlagabtausch. Meine Meinung – deine Meinung – mein Input – dein Input … in den Köpfen formt sich schon die Antwort, noch ehe der andere seinen Satz beendet hat. Manchmal wird der Sprechende unterbrochen, aber: Die gute Erziehung erwartet, dass der Gesprächspartner ausreden darf (manchmal). Dann aber gleich die Reaktion: Die eigene Meinung, das Erlebnis aus meiner Welt.
Ich denke viele von uns kennen das. Wir könnten zwar teilweise wiederholen, was der Gesprächspartner gesagt hat, aber oft sind das nur Bruchstücke des Inhalts. Ganz am Anfang des Gesagten, hat irgendetwas unser Hirn getriggert und wir tauchen ab in unsere Welt, wir schauen den Gesprächspartner an, sind jedoch weit weg vom Verstehen seiner Aussage. Ich nenne das ein „Gesprächskoma“ Dann möchte unsere eigene Idee einfach raus. Was aber hat der andere genau gesagt, oder gemeint?

Um ein besseres und auch zeitsparendes Gespräch zu führen, erfordert es Konzentration. Konzentration auf die andere Person. Was genau möchte der andere mir mitteilen? Was ist das Bedürfnis hinter seiner Aussage? Es kann sehr spannend sein, wirklich aktiv zuzuhören. Danach kann ich das Gehörte kurz in meinen Worten zusammenfassen, bevor ich reagiere. Natürlich soll der Alltag jetzt nicht so aussehen: „Deck bitte den Tisch.“ „Ich soll den Tisch decken?“ Das ist auf Dauer echt nervend und klingt eher nach einem Gespräch, bei dem der Gesprächspartner seine Hörgeräte nicht eingeschaltet hat. Aber ein kurzes Statement zur Aussage eines Kommunikationspartners über das, was bei mir angekommen ist, kann klären. Der andere fühlt sich gehört und meine Reaktion hat dann wahrscheinlich auch Bezug zum Gesagten. Das Gespräch macht Sinn und durch Verstehen, habe ich eine Chance verstanden zu werden.

Ganz klare Bedeutungsblasen

Das Wort „Klarheit“ ist in der Sprache des NLP eine Nominalisierung. Ein Wort, das wir zu kennen glauben, von dem wir denken, der andere versteht, wovon wir sprechen. Freundschaft, Liebe, Ehrlichkeit, Glück, Freiheit, Sicherheit, Erfolg, Gut und Böse sind ebenfalls Nominalisierungen. Wir benutzen diese Worte, als ob sie allgemeingültig wären. Leider falsch. Es sind Bedeutungsblasen, in die wir unsere eigenen Werte und Erfahrungen interpretieren. Also schon die Natur des Wortes „Klarheit“ ist unklar. Das fängt ja gut an!

Klar schon, nur Die Welt steht in der Kugel auf dem Kopf. Also doch nicht so klar?

Stell dir mal vor, dein neuer Freund oder deine Freundin sagt, Ehrlichkeit ist für ihn/sie essenziell. Voller Freude sagst du: „Oh ja, für mich auch!“ Und dann fängt er/sie an, alles an dir zu kommentieren. Den Pickel auf deiner Nase, deine wilden Haare am Morgen, deine Zahnpasta im Waschbecken, die Art wie du lachst, wie du isst, wie du redest…. „Aber du sagtest doch, du magst Ehrlichkeit?“ Wie lange, denkst du, dauert die Romantik? Einer Nominalisierung begegnest du am besten mit der Frage: Wie genau lebst du …. oder was genau bedeutet … für dich? Das ist zumindest mal ein Anfang.

Weniger Klarheit hilft, um die Menge an Informationen zu erfassen

Wir haben unendlich viele Eindrücke, die tagtäglich auf uns einprasseln. Wir würden wahrscheinlich gar nicht hinterherkommen, wenn wir alles, was um uns passiert, in Worte fassen müssten. Also bedienen wir uns verschiedener Vereinfachungen: Auslassung, Verallgemeinerungen, Verzerrungen.
Wir haben etwas gelernt und wenden es auf ähnliche Situationen an. Ein Satz wie „Die Ampel ist rot“, bedeutet für die meisten Autofahrer, dass sie anhalten. Die Erklärung haben wir früher mal geliefert, bei den 1-3-jährigen, aber danach mussten jede Mutter oder der Beifahrer nur noch sagen: „Die Ampel ist rot!“ und die richtige Reaktion kommt.
Oder wir lassen etwas aus: „Es ist zu teuer, das kaufe ich nicht“…. Womit genau „es“ verglichen und als zu teuer eingestuft wurde, erfahren wir selten, interessiert uns auch manchmal nicht. Verzerrungen und Verallgemeinerungen findet man im Satz „Mich mag keiner!“… „Doch ich mag dich“, „Das mein ich doch nicht“…? Oder „Ich kann das nicht, ich kann ihn nicht ansprechen“, was genau meinst du damit? Spricht er eine andere Sprache oder kann er nicht sprechen oder kannst du nicht sprechen? Wenn wir auf unsere Sprache achten, stellen wir fest: Vieles scheint im Moment klar, ist es aber nicht.

Die Ampel ist rot.

Oft glauben wir aus der Situation heraus zu verstehen, was der andere meint und wir fragen gar nicht erst, ob wir recht haben. Wir erleben das Gesagte aus unserer eigenen Erfahrungslandschaft und da ist es klar.

„Jeder Mensch lebt in einer Insel“ (Vera Birkenbihl)

Um zu verstehen, warum wir uns oft so schwertun einander zu verstehen, ist das Bild, dass wir in einer Insel leben sehr hilfreich. In der Insel, weil wir sie nicht verlassen können. Ich stelle mir diese Insel schon fast wie ein schwimmendes Insel-U-Boot vor. Alles, was wir lernen und erleben, gehört auf unsere Insel. Wir sehen die Welt aus unserer Inselsicht. Dort sind wir sicher und kennen jeden Baum und jeden Strauch. Wir wissen, welche Farbe der Sand hat und wie hoch unsere Bäume sind. Aber wir haben auch unsere Geheimnisse und sagen nicht alles, was sich im Inneren befindet.

Manchmal treffen wir auf eine andere Insel und wir docken an ….. anderer Sand, andere Bäume, andere Lebensrhythmen. So ungefähr geht es uns mit jedem Menschen, den wir treffen. Manchmal kann es sein, dass einige Dinge gleich scheinen. Das kann schön sein und wir fühlen uns zu Hause. Tatsache ist aber, jede Insel ist anders, wunderbar und einzig. Wir können näher hinsehen und uns die andere Insel auch in Teilen vertraut machen. Dann wird uns oft einiges, was auf der anderen Insel passiert, klarer.

Die Trennung von Fakten und Meinungen

Klarheit ist nicht gleich Wahrheit. Aber wenn ich mich auf die Suche nach Fakten mache und nur diese lese, dann bin ich doch klar? Wichtig ist, woher kommen die Fakten, sind die Quellen seriös? Ich glaube, die Antwort ist: „Ich habe keine Ahnung.“
Wir haben gerade durch Covid gelernt, dass Fakten nicht gleich Fakten sind. Es ist schwer, zu entscheiden, wer seriös ist. Eine gute Idee, in meiner Welt, scheint zu sein, erst einmal nichts zu sagen und zuzugeben, dass ich nichts weiß. Dann muss ich (hoffentlich) auch nicht diskutieren, was weder ich noch der andere weiß. Ich gebe also mir und anderen Menschen die Chance, erst mal selbst zu denken!

Schaltet man das Internet oder andere Medien ein, dann ist es kaum möglich selbst einen eigenen Gedanken zu fassen. In Echtzeit bekommen wir nach jedem Ereignis sofort viele verschiedene Deutungen, Interpretationen und Meinungen geliefert. Diese sind oft getarnt als Fakten. Wir können uns dann eine Meinung aussuchen, wie bei einem Multiple-Choice-Test. Etwas weniger Berieselung und mehr eigenes Denken sind für mich sehr hilfreich, um mir meine Meinung zu bilden.


Ist Klarheit möglich?

Als Fazit für mich habe ich also festgestellt, ich kann in meinem Kopf aus meiner Sicht, in meiner Welt eine gewisse Klarheit für mich schaffen. Zumindest für den Moment. Ich kann üben, mehr zuzuhören, um andere besser zu verstehen. Doch die allumfassende „Jeder weiß, wovon ich rede und ich verstehe alles Klarheit“, die gibt es nicht, das ist eine Illusion. Dafür sind wir Menschen zu verschieden, die Menge der Informationsflut ist zu groß, die Sprache zu komplex. Aber ich kann meine Welt für mich so gestalten, dass mein Ziel mir klar vor Augen steht, der Weg dahin bekannt ist und ich mir klar darüber bin, worauf ich selbst Einfluss habe. Es ist ein großartiges Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nicht immer kann ein anderer Inselbewohner diese nachvollziehen, muss er ja nicht. Und ich selbst versuche flexibel zu bleiben, damit ich mit Neuem vertraut werde und mir auch neue Dinge klar werden.

Ich bin Eva, ich bin Coach. Auf der Suche nach Klarheit habe ich festgestellt, dass sie nur eine Momentaufnahme ist. Meine eigene Momentaufnahme.