Wenn mein Leben ein Buch wäre dann ist das jetzt:
Mein Kapitel mit sechzig
Mein erster Computer war ein Schneider PC. Den ganzen Tag hat er nichts weiter von sich gegeben als ein blinkendes C:\>, und ich fand das hochmodern, und habe nichts verstanden. Heute sitze ich am selben Schreibtisch und unterhalte mich mit einer künstlichen Intelligenz, die mir hilft, mein Coaching-Business aufzubauen. Zwischen diesen beiden Bildschirmen liegen rund vierzig Jahre. Und dieses Jahr werde ich sechzig.
Ich bin ein Glückskind. Mein Leben war von Anfang an aufregend, und wenn ich es heute als Buch vor mir liegen sähe, wäre nicht nur die Kindheit ein dickes, lautes Kapitel. Wir haben die Straße bunt angemalt, unter jedem Hügel einen Schatz vermutet und die Hügel kurzerhand umgegraben, um ihn zu finden. Dann kamen noch so viele andere wirklich bunte Kapitel. Aber es soll ja um heute gehen.
Mit 30 habe ich keinen Gedanken ans Altwerden verschwendet. Und offen gesagt mache ich das immer noch nicht. Und trotzdem was ist denn mit 60 dazugekommen?

Was heißt es, wenn man nicht in Rente geht, sondern noch mal richtig anfängt? Wenn man Oma ist und trotzdem morgens an einem Business feilt? Wenn man seit elf Jahren in einer Beziehung lebt, die sich immer noch jung anfühlt? Wenn man mal wieder an einem Ort angekommen ist, an dem man vorher nie gelebt hat? Genau das ist mein aktuelles Kapitel. Ich schreibe es gerade, während ich es lebe.
Wenn man mit sechzig noch mal von vorn anfängt
Mein Beziehungscoaching nimmt in diesem Jahr endlich Form an. Nicht so ein bisschen nebenher, sondern richtig. Ich bin fokussiert wie lange nicht, ich bin tief in die KI eingetaucht, und darauf bin ich stolz. Ich liebe diese Technik. Ich liebe es, zu sehen, wie sich alles entwickelt, und ich bin stolz auf meine Online-Programme und die Freebies die ich rausgeben kann. Dass ich die Frau, die ratlos vor einem Schneider PC saß und auf C:\> starrte, heute mit einer KI arbeite, kommt mir manchmal vor wie Science-Fiction.
Ich arbeite als Beziehungscoach mit Männern, die an einem Punkt stehen, an dem sie sich fragen: bleiben oder gehen? Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe selbst eine Scheidung hinter mir. Ich habe schon einmal alles auf null gestellt und komplett neu gebaut. Das ist kein Makel in meiner Geschichte, das ist ihr Fundament. Es ist der Grund, warum ich diese Arbeit machen kann, ohne von oben herab zu reden.
Das Schöne daran ist der Zeitpunkt. Mein eigentliches Arbeitsleben liegt hinter mir. Ich muss mit dieser Arbeit nichts mehr beweisen und niemanden mehr beeindrucken. Ich mache sie, weil sie genau die Arbeit ist, die ich mir immer gewünscht habe. Das ist ein Luxus, den man mit dreißig selten hat, wobei. … … Hoteleinrichter zu sein war auch klasse.
Wenn man mit sechzig die eigene Ernte einfährt
Und dann die andere Seite, die ich nicht wegretuschieren will. Als selbstständige Frau habe ich, zusammen mit meinem Mann, einen Fehler gemacht, den ich heute bedauere: Wir haben nicht in meine Rente eingezahlt. Das war keine gute Entscheidung und heute berate ich junge Frauen das anders zu lösen. Manche Lektionen lernt man selbst erst so spät, aber wir können unser Wissen auf jeden Fall weitergeben.
Mit 60 aufzuhören war für mich eh keine Option. Ich fahre genau genommen noch einmal volle Kanne los. Dieses Mal, um weiterzugeben und um zu ernten. Was ich mir jetzt aufbaue, ist für mich mein Herzensthema und ich liebe es. Ich bin Coach mit Leib und Seele. Aber es ist wie es immer war: Wenn du Erfolg haben willst wird dir nichts geschenkt, da musst du auch mit 60 noch richtig reinklotzen.
Es wäre unehrlich zu behaupten, dass ich das immer gelassen sehe. Es gibt Tage, an denen ich denke: Boah, echt jetzt? Tage, an denen es mir nicht gut geht, an denen die schöne, glänzende Version von mir kurz Pause macht. Die gehören dazu. Ich glaube nicht an das Dauerlächeln, weder bei mir noch bei anderen. Was mich trägt, ist nicht, dass alles leicht ist, sondern dass ich mich richtig frei fühle, nach meinen Werten lebe und meine eigenen Entscheidungen treffe. Die Kinder sind groß, sie tragen ihre eigene Verantwortung, sie haben ihre eigenen Familien. Was ich mit meiner Zeit mache, entscheide ich.
Wenn man mit sechzig Oma ist
Als meine Kinder klein waren, war ich eine berufstätige Mutter mit eigenem Unternehmen. Zeit war das, was ich am wenigsten hatte. Ich habe funktioniert, ich habe gearbeitet, ich habe organisiert und war durch meinen Job oft nicht zu Hause. Dank einer großartigen Schwiegermutter und viel familiärer Unterstützung, sind meine Töchter heute wunderbare Frauen geworden und hatten eine gute Kindheit.
Heute habe ich das Glück, das nachzuholen, wenn auch eine Generation später. Ich lebe im selben Haus wie meine Enkelkinder. Ich kann einfach da sein. Ich kann mit ihnen an den See gehen und zuschauen, wie sie mit einem Rückwärtssalto ins Wasser springen. Ich muss dabei nicht auf die Uhr sehen. Das ist für mich einer der stillsten und größten Gewinne dieses Kapitels: Zeit haben für die Menschen, für die ich früher keine hatte.
Wenn man mit sechzig noch mal jung liebt
Seit elf Jahren bin ich mit Anthony zusammen. Wir kennen uns viel länger, aber das ist eine eigene Geschichte. Was diese Beziehung für mich so wertvoll macht: Er ist ein Mann, der das Leben unter normalen Umständen leichtnimmt und für fast alles offen ist. Genau das brauche ich neben mir.
Denn ich bin anders gebaut. Jemand hat mich einmal so beschrieben: Eva entscheidet sich für etwas, geht mit voller Kanne rein, fährt mit hundertachtzig über die Autobahn, und wenn alle begeistert hinterherfahren, biegt sie rechts ab. Ich musste lachen, weil es so stimmt. Neben so einem Tempo tut ein Mann gut, der nicht in Panik gerät, wenn ich schon wieder abbiege.
Ganz reibungslos ist auch das nicht. Anthonys Familie lebt in Neuseeland, und dieser Abstand macht unser Patchwork ab und zu schwer. Er hat sich trotzdem für ein Leben mit mir in Deutschland entschieden, und ich mich für ihn. Ich werde dieses Jahr sechzig, und ich werde dieses Jahr noch einmal heiraten. Wir heiraten nicht, weil ich an den Bund der Ehe glaube, sondern weil es uns die Freiheit gibt, weiter zusammen zu sein, die uns sonst verwehrt bliebe. Warum das so ist, wäre ein Kapitel für sich.

Wenn man mit sechzig ankommt
Ich lebe in Füssen, und langsam fühlt sich dieser Ort wie ein Zuhause an. Ein Ort, an dem ich vorher nie gelebt habe, wird zu meinem. Dazu gehört Mokka, unser Hund, der seit zwei Jahren dafür sorgt, dass mein Leben deutlich mehr draußen stattfindet, als ich es je geplant hatte.

Meine Freundin Sabrina, mit der ich früher von der ganzen großen Welt geträumt habe, und vieles davon in rasendem Tempo umgesetzt habe hat mich neulich gefragt, ob wir unser Leben klein gemacht haben. Sie im Dorf, ich in Füssen. Die Frage hat gesessen, und ich habe darüber nachgedacht. Meine Antwort: Wir haben es nicht klein gemacht, wir haben es ruhiger gemacht aber die Intensität in der wir leben bleibt. Wir zehren heute von dem Wissen, das wir uns über viele Jahre erarbeitet und erträumt haben. Das ist kein Rückzug. Das ist Ankommen und Genießen.
Wie dieses Kapitel heißt
Wenn mein Leben ein Buch ist, dann heißt dieses Kapitel: Volle Kanne, dann rechts ab …
Nichts hat sich geändert seitdem ich jünger war. Und ich liebe dieses Tempo.
Es geht mit 60 nicht um Ruhestand und nicht um Bilanz. Es geht um Selbstbestimmung. Ich bin 60 und entscheide, wie ich arbeite, wo ich lebe, wen ich liebe und wofür ich meine Zeit gebe. Ich habe einen ersten Computer erlebt, der nur C:\> sagen konnte, und ich sitze heute vor einer KI. Ich habe eine Ehe beendet und werde eine neue beginnen. Ich hatte als Mutter keine Zeit und habe sie als Oma zurückbekommen.
Das ist kein glattes Kapitel. Es hat Sonne und es hat Tage, an denen ich seufze und sogar mal verzweifelt bin. Aber es ist meins, von der ersten bis zur letzten Zeile. Und wenn mich jemand fragt, ob mit sechzig etwas zu Ende geht, dann antworte ich: Nein. Es fängt gerade das an, was ich mir immer gewünscht habe und ich nehme es mit: Volle Kanne! … und ich biege vielleicht dann doch noch mal rechts ab. Wer weiß?
Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade von Bettina: Einladung zur Blogparade: Wenn dein Leben ein Buch wäre. Wie würde dein aktuelles Kapitel heißen?
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